Colonia Tovar
Aus der ehemaligen Enklave wird an arbeitsfreien Tagen
regelmäßig ein Rummelplatz: Colonia Tovar, die von
alemannischen Einwanderern gegründete Siedlung im
Westabschnitt der Küstenkordillere, befindet sich dann
fest in der Hand motorisierter Caraqueños, die es sich
hier gut gehen lassen. Die Höhenlage, das angenehme
Klima und die fremdartige Architektur bilden den
passenden Rahmen für die ungewohnten kulinarischen
Genüsse und die exotischen Souvenirs, die die deutsche
Kolonie ihren Gästen bietet. Die von den Bewohnern
äußerst geschickt betriebene Vermarktung ihres Image
braucht den Europäer nicht von einem Besuch abzuhalten;
er sollte aber unter der Woche anreisen. Dann strahlt der
Ort mitten in den Tropen noch die Ruhe und
Beschaulichkeit eines Schwarzwalddorfes aus.
Wer lediglich den historischen Dorfkern rund um Kirche
und Schule und die benachbarten Häuserzeilen aufsucht,
bekommt nur einen kleinen Teil der Kolonie zu Gesicht und
erhält dadurch fälschlicherweise den Eindruck einer
geschlossenen Ortschaft. Tatsächlich wohnt die
Bevölkerung weit verstreut in zum Teil abgelegenen
Gehöften. Die dem hl. Martin geweihte katholische Kirche
(1863) besteht aus zwei Schiffen, die senkrecht auf den
zentralen Altar zulaufen und dem Gebäude dadurch die
Form eine "L" verleihen. Der ungewöhnliche
Grundriß kommt dadurch zustande, daß Frauen und Männer
in der Kirche ursprünglich getrennt zu sitzen hatten.
Dem Eingang der Kirche gegenüber liegt das ehemalige
Bürgermeister- und Gemeindehaus (1846); heute ist dort
das Café Muhstall eingerichtet (die Wirtin spricht gut
Deutsch). Das 1970 gegründete Museum (an der Ringstraße
um den Sektor Los Claveles) ist in einem Fachwerkhaus
untergebracht und zeigt Dokumente und Erinnerungsstücke
aus der Frühzeit der Kolonie. Das beste Geschäft machen
die Tovareños mit für den venezolanischen Gaumen
ungewohnten Früchten wie Erdbeeren, Brombeeren und
Aprikosen. Gerne decken sich die einheimischen Besucher
aber auch mit dunklem Brot, hausgemachten Konfitüren,
Würsten und europäischem Gemüse ein. Das Preisniveau
entspricht der großen Nachfrage, ist aber nicht
überzogen. Auch in den Hotels kommt der Gast auf seine
Koten. Dank des Fremdenverkehrs erzielt Colonia Tovar das
im Landesdurchschnitt höchste Pro-Kopf-Einkommen und
kennt keine Arbeitslosigkeit
|