2 Surfer im Land der Hexer

Fritz und Martin haben sich in zwei Urlaubswochen von der Isla Margarita nicht weggerührt. Schade! Gäbe es doch rundherum mehr zu tun als Surfen. Durch den Dschungel wandern zum Beispiel. Oder am Korallenriff schnorcheln. Oder den höchsten Wasserfall der Welt bewundern.

Niemand hat Jimmy Angel geglaubt. Einen Wasserfall, 15mal höher als die Niagarafälle, mitten im Dschungel wollte der Buschpilot beim Goldsucher-Transport entdeckt haben, ganz zufällig. Jimmy Angel war hartnäckig, flog im Oktober 1937 noch einmal hin und landete auf dem Tafelbergplateau. Der Wasserfall war zu sehen, der Beweis geglückt - das einmotorige Flugzeug "Flamingo" blieb aber im Morast stecken. Und erst elf Tage später, nach einem langen Marsch durch den Dschungel, konnte Angel vom Wasserfall erzählen. Noch 32 Jahre blieb die "Flamingo" auf dem Auyan-Tepui, auf dem für die Indianer die Götter wohnen, dann wurde sie ins Flugzeugmuseum gebracht.Salto Angel - der höchste Wasserfall der Welt

Heute ist es leichter, zum Salto Angel tief im Innersten Venezuelas zu kommen. Kleine Flugzeuge bieten Rundreisen zum höchsten Wasserfall der Welt, und wer die Piloten und ihr hektisches Zwiegespräch "Watch out, the mountain!" nicht beachtet, kann das Wasser verdunsten sehen: Entweder 937 oder 1005 m, je nach Reiseführer, ist der Angel Fall hoch. Nur 40 Prozent des Wassers kommen unten an, der Rest verdampft auf dem langen Weg in die Tiefe. Wer Pech hat, kann durch die dichten Wasserwolken den Wasserfall gar nicht sehen.

Fritz und Martin ist das ziemlich egal. Sie haben sich in ihren beiden Venezuela-Urlaubswochen nicht von der Isla Margarita, der sogenannten Perle der Karibik, weggerührt. Wozu auch? "Den ganzen Tag lacht die Sonne, das Meer rauscht, der Wind bläst, das Essen ist toll," schreiben sie auf ihrer Urlaubskarte aus El Yaque. Der dortige Strand verläuft zwar nur ein paar hundert Meter parallel zur Flughafenlandebahn - aber was stört das einen wirklichen Windsurfer, wenn dafür täglich und verläßlich der Nordost-Passat mit Windstärke fünf bis sieben bläst!  Auf El Yaque sind die Windsurfer unter sich, an den anderen Stränden der Isla Margarita die Deutschen.365 Sonnentage im Jahr sind eben ein Argument. Genauso wie meterhohe Palmen, weiße Strände, das türkisblaue Meer und All-In-Clubs mit Spaghetti, Swimmingpool und Disco. Noch verlieren sich die Touristen, zumindest einige wenige Meter weit weg von den Hotels, an den langen Stränden.

1498 kam Kolumbus nach Margarita, vor zehn Jahren die europäischen Reiseveranstalter. 934 km2 hat die Insel, 280.000 Einwohner - und 75 Hotels. In den nächsten zehn Jahren sollen sich 30 weitere an der karibischen Küste entlangschlängeln, einige auch auf der kaum bewohnten Halbinsel Macanao. Das wird schwierig, gibt es doch auf dem von den spanischen Kolonialherren fast gänzlich gerodeten Macanao jede Menge Sand, Vögel, Dornenbüsche, Disteln und bis zu 8m hohe Prachtexemplare von Kakteen - aber kaum Wasser. Irgendwie wollen es die Tourismus-Manager dennoch hinleiten, auf daß die Touristen-Zuwächse von bis zu 70 Prozent weiter anhalten.

Alexandra, die junge Reiseführerin mit den schweren braunen Locken und dem breiten Lächeln, hat ebenfalls schon gelernt, was die Touristen hören wollen: "Die Menschen hier sind arm, aber glücklich," erzählt sie im klimatisierten Bus auf der Vorbeifahrt an den Kolonialbauten, den Spuren der Spanier.

Der Fang des Tages wird angebotenGegen Armut gibt es auf dem vollgestopften Tücher, Zuchtperlen, Turnschuhe-Holzketten-Markt im kommerziellen Zentrum der Insel, der Stadt Porlamar keinen Zauber, dafür aber gegen sonst fast alles. Ein Freund zahlt die Schulden nicht?Porlamar Kein Problem: Die Zauberkerze mit Butter, Zucker und Zimt einreiben, den Namen des Schuldners kreuzweise einritzen, anzünden, und er zahlt in 45 Tagen. Keinen Mann gefunden? Bunte Öle, je nach Wunsch eher auf Liebe oder Heirat abzielend, ignorieren die Statistik (nach der es auf der Isla Margarita siebenmal mehr Frauen als Männer gibt) und verzaubern garantiert einen Mann. Zumindest wenn man sie lange genug nicht abwäscht, wie Alexandra ergänzt: "Wenn man hier jemand trifft, der komisch riecht, macht der sicher irgendeine Hexerei."

Oder er hat ein strenges Moskitoabwehrmittel genommen. Wer am Flughafen in Canaima ankommt und die rotgepunkteten Arme, Beine und Nacken der Abfliegenden sieht, entscheidet sich gerne fürs Stinken. Die Lagunen und Dschungel des Nationalparks sind voller Wasserfälle, Indianer-Camps und eben Moskitos. Malaria übertragen sie nicht, das kann nur im riesigen Delta des Orinoco passieren, aber auch das bräunlich-gelbe Wasser in der Lagune hier lädt die Insekten ein.

Bei den Bootsfahrten bedeckt immerhin die Schwimmweste eine mögliche Angriffsfläche, bei den Wanderungen durch den Dschungel lenkt Caesar ab: durch sein ständiges Pochen mit dem Holzstock, das Schlangen abwehren soll, durch seine Geschichten über Bären und Orchideen, durch seine Hinweise auf versteckte Pflanzen und Vögel. Caesar ist Biologiestudent und nicht so leicht durch Fragen wie "Was blüht dort" aus der Fassung zu bringen. Warum aber ein halbfertiger Einbaum mitten im Dschungel steht, weiß auch er nicht.Los Roques

In Los Roques nützen alle Ablenkungsmanöver nichts mehr. Wer nicht schon beim Flug auf die 50 ins Wasser gestreuten kleinen Inseln die Einreisekarte ausgefüllt hat und es erst nach der Landung tun muß, gibt den Stechern zu viel Zeit und verbringt den Rest des Abends im Inseldorf, 100 m vom Flughafen, mit Kratzen. Dabei gebe es hier viel Besseres zu tun

Cuba-Libre trinken zum Beispiel. Oder in die wie im Planetarium angeknipsten Sterne schauen. Oder durchs pastellfarbige Dorf spazieren. Mittanzen. Wer früh schlafen geht, ist einer der 900 Einheimischen und muß am nächsten Tag früh aufstehen: Um sieben Uhr wird das Trinkwasser aus den großen Containern ausgegeben.

Der Strand gehört zu dieser Tageszeit den Touristen ganz alleine. Erstens sowieso, weil die Häuser der Einheimischen im Lauf der Fremdenverkehrsjahre von der ersten in die zweite und jetzt in die dritte Reihe nach hinten gerückt sind. Und zweitens, weil die sich nicht um das Wasser kümmern müssen.

Höchstens um das Meer, in dem Pelikane ihr Frühstück fangen und das riesengroße Königsmuscheln angeschwemmt hat. An den weißen Strand, wo sie auch bleiben sollen - wie jeder Einheimische weiß. Und sein Wissen gern und lautstark mit denen teilt, die schon die Badetasche mit Muscheln vollgepackt haben: Touristen und Muscheln passen nicht zusammen. Touristen fliegen wieder weg, und eine Muschel im Flugzeug bringt Unglück, will sie doch zurück ins Meer.

Dort paßt sie auch besser hin. Wie die bunten Fische am Korallenriff irgendwo im türkisen Wasser vor dem Inselarchipel, fast aquariumsdicht und wie für die Schnorchler angeordnet. Katamarane fahren zu den schönsten Buchten der Inselgruppe Los Roques - und haben für die hungrigen Schnorchler sogar gegrillte Langusten an Bord.

Fritz und Martin haben sich Los Roques und seine Korallenriffe entgehen lassen. Dafür sind sie am letzten Tag schon an der Südwest-Ecke der Insel, bei Isla Coche, gesurft. Wenig Wellen, viel Wind - die angeblich weltbeste Surf-Speed-Piste. Sagen zumindest alle Reiseführer, Fritz und Martin. Wie haben sie auf ihrer Urlaubskarte geschrieben? "Die Sonne hat mein Hirn verbrannt, doch surfen kann ich, Gott sei Dank."

(c) Der Standard 

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08/02/2007 10:15 a.m. -0400